Geschichte der St. Stephanus-Pfarrkirche von Burg Reuland

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Eine Kapelle in „Ruland“ wird zuerst im Jahre 1213 in einer Urkunde des Abtes Alard von Stablo-Malmedy genannt, worin dieser den Herren von Reuland das Präsentationsrecht (Ernennung des Pfarrers) für die Kirche in Thommen überträgt, deren Pfarrer auch die Kapelle unserer Lieben Frau im Ulftal, in Reuland versehen soll. Erster namentlich bekannter capellanus in Rulant ist ein gewisser Johannes, der in einer Urkunde 1330 genannt wird. 1336 wird die Kapelle von Reuland als uralt und baufällig bezeichnet. Als Patrone werden U. L. Frau und der hl. Stephan genannt. Der Ort gehörte mit seiner Kapelle zur Pfarre St. Hubertus Weweler.

 

Wann sich Weweler und Reuland von ihrer Mutterpfarrei Thommen getrennt haben, bleibt nach wie vor offen. Urkunden aus den Jahren 1426 und 1471 deuten auf eine Trennung hin. 1521 wird in einem Dokument H. Johantz Schiltz van Landscheit als Pastoir zo Rulant erwähnt. Spätestens seit 1668 hatte der Pfarrer von Weweler seinen Sitz in der „Freiheit“ Reuland was durch den Ankauf des Gerichtsgebäudes in Reuland, durch Pfarrer Matthäus Breitfeld, besiegelt wurde. Er kaufte das neben einem Wohntrakt auch noch Ökonomiegebäude umfassende Anwesen und vermachte es testamentarisch der Kapelle Unserer Lieben Frau in Reuland, der heutigen Pfarrkirche. Kirchenrechtlich blieb Reuland jedoch bis 1803 eine Kapellengemeinde in der Pfarre Weweler. 1803, bei der Neuordnung des Bistums Lüttich, verlegte Bischof Johann Evangelist Zaepffel den Sitz der Pfarre Weweler-Reuland, als deren Patron jetzt ausdrücklich der hl. Stephanus genannt wurde, endgültig nach Reuland (ZVS-Monatsblätter, 10, 2005, S. 206-208). Zur Pfarre Reuland gehören neben Reuland, die Dörfer Weweler, Stoubach, Lascheid, Alster, Bracht und Maspelt. (Maspelt erst seit 1803; vorher gehörte es zu Thommen). Die beiden letztgenannten bilden ein Rektorat innerhalb der Pfarre Reuland. Der Friedhof befindet sich nach wie vor in Weweler, für die Dörfer Reuland, Weweler, Lascheid, Alster und Stoubach. Bracht und Maspelt verfügen jeweils über ihren eigenen Friedhof.

 

Die Geschichte der Pfarre Reuland ist eng verbunden mit der Geschichte der Burg von Reuland. Bereits 963 wird sie als Wehrburg erwähnt. Vom 12. bis zum 18. Jahrhundert ist sie nacheinander im Besitz der Herren von Reuland, der Blankenheim (14. Jh), der Grafen von Luxemburg, der Engelsdorf, der Pallant (15. - 17. Jh.), der Glymes und schließlich der Berghe, bis zum Übergang an die französischen Truppen, welche die Burg in Brand setzen. Sie wird im 19. Jh. geplündert und in den Jahren 1901-1902 durch die Verwaltung der Rheinprovinz restauriert. Seit 1988 tiefgreifende Restaurierung durch den belgischen Staat. Eine dem hl. Martin geweihte Kapelle gab es noch im Jahre 1795.

 

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde durch Balthasar von Pallant vermutlich ein Neubau der Kapelle von Reuland ausgeführt oder zumindest umfangreiche Bauarbeiten vorgenommen, worauf außer dem Doppelwappen des Balthasar v. Pallant und der Elisabeth v. Millendonck an der Westseite des Turmes noch ein Inschriftstein hinweist. Balthasar v. Pallant starb 1625, seine Frau Elisabeth 1614. An die Erbauer erinnert weiter ein Grabmahl in der Reuländer Kirche. Im 18. Jh. war dieses, als Sarkophag konzipierte Grabmahl, auseinander genommen worden und in der Nordwand der Kirche vermauert worden. Im Zuge der Kirchenerweiterung, 1912, als diese Mauer entfernt werden musste, wurde die Gelegenheit benutzt, um das Grabmahl wieder in seiner ursprünglichen Form zusammenzusetzen. Der Sarkophag aus belgischem Schiefermarmor, hat eine Bodenfläche von 1,89 x 1,13m, eine Höhe von 1,11m. Die Deckplatte trägt in Flachrelief die liegenden lebensgroßen Figuren des Ehepaares in betender Haltung. Die von der Familie von Pallant erbaute oder zumindest restaurierte Kirche wurde im Jahre 1771 durch einen Neubau ersetzt. Im Jahre 1869 wurde eine Sakristei errichtet.

 

1912 wurde die einschiffige Anlage aus dem Jahre 1771 um ein Seitenschiff erweitert sowie ein Querhaus und neuer Chor mit Sakristei angefügt. Im Innern zeigt nur noch die Südseite den alten Zustand mit flachen ionischen Pilastern. Das im Jahre 1912 angegliederte Seitenschiff ist mit dem alten Raum durch Arkaden auf Säulen verbunden, darüber an der Wand die Reste der alten Gliederung.

 

Der Hauptaltar stammt aus dem Jahre 1750. Restauriert und wiederhergestellt 1812. Es ist ein offener Tabernakelbau aus weiß lackiertem Holz mit vergoldeten Ornamenten. Das Hauptstück bildet über geschweifter Mensa mit Rocailleornament und einem von Dornen umwundenen Herzen der stattliche halbrunde Tabernakel, mit dekorierten Pilastern und Füllbrettern und anbetenden Engeln, das ganze gekrönt von einem Kreuz mit Engeln und Leidenswerkzeugen. Das Innere des Expositoriums zeigt Wolkenbaldachin mit Monstranz und Engeln. Den Umbau bilden vier Volutenbügel mit zwei Engeln mit Banderolen und der Aufschrift: GLORIA IN EXELSIS DEO, als Abschluss eine Spangenkrone. Auf den Fußstücken beiderseits die Freifiguren der hl. Stephanus und Eligius.
Die Chortäfelung wurde von der Kirche aus dem Jahre 1771 übernommen. Einfache Rockokoornamente verleihen dem Chorraum Gediegenheit und Wärme. Dazu tragen auch der Priestersitz und die Messdienersitze bei, die sich gut integrieren. Ebenso, im Hintergrund, der Kredenztisch. Über den beiden Türen die Freifiguren der hl. Odilia und der hl. Lucia.

 

Die Pfeifenorgel ist mit 16 Registern ausgestattet. Sie ist eine Arbeit der Gebrüder MÜLLER aus REIFERSCHEID aus dem Jahre 1860. Von dieser Orgelanlage ist aber nur das Gehäuse im neogotischen Stiel, die Prospektpfeifen und eine Reihe Pfeifen im Orgelinnern erhalten.

 

Die Orgel wurde erneuert und erhielt neue Laden mit chromatischer Pfeifenaufstellung, eine neue Spielmechanik aus Drahtseil und eine neue Registermechanik.
Der Spieltisch ist an der ursprünglichen Stelle als Seitenspieltisch angelegt, unterhalb des eigentlichen Orgelgehäuses. Die Orgel hat zwei Manuale zu je 54 Tasten und ein Pedalklavier mit 27 Tasten.

 

Über die Orgelempore gelangt man in den Turm der Kirche.Der Turm, an der Westseite, hat rundbogiges Portal und oktogonalen Zwiebelhelm. Die älteste Glocke im Turm ist die Marienglocke, die im Jahre 1827 gegossen wurde. Sie hat einen Durchmesser von 67,5 cm, ein Gewicht von etwa 130kg und folgende Aufschrift: AVE TU BENEDICTA JESU MATER ORA PRO POPULO - INTERVENI PRO CLERO. (Gegrüßet seist du, gesegnete Mutter Jesu, bitte für das Volk - tritt ein für den Klerus!) Auf der Glocke befindet sich eine Abbildung der Muttergottes mit den vier Erzengeln. Auf der anderen Seite sehen wir eine Darstellung des gekreuzigten Jesus mit seiner Mutter. Die Glocke weist zudem einen Kranz mit Muschelverzierungen auf. Dem Gussdatum zufolge könnte diese Glocke -ebenso wie ihre Schwester - von dem französischen Glockengießer Perrin gegossen worden sein.

 

Die Zweite Glocke hat einen Durchmesser von 75 cm, ein Gewicht von 204 kg und wurde im Jahre 1829 von Perrin neu gegossen. Der lateinische Text lautet wie folgt: ME TOLLENS NUPER REPARATA PER AETHERA CANTUS - EDO SUB AUSPICIO STEPHANE STABOTUO-JACOBUSZANENPAROCHIUS MEA JOSEPHO PERRIN NATIONE GALLO REFUNDI IUSSIT (Mich erhebend über den Äther und vor kurzem repariert, singe ich. Unter deinem Schutze, Stefan, werde ich stehen -Jakob Zanen, Pfarrer, ließ mich von Josef Perrin, einem Franzosen, neu gießen.) Der Text birgt ein Chronogramm, das die Jahreszahl 1829 ergibt. Außerdem finden wir auf dieser alten Glocke noch ein Bild des Gekreuzigten mit Maria Magdalena. Der untere Glockenrand trägt als Verzierung einen Kranz mit Engelköpfen und Trauben.

 

Im Jahre 1932 wurde das Geläute durch eine dritte Glocke vervollständigt, die bei Slegers-Causard in Tellin gegossen wurde und einen Durchmesser von 90 cm sowie ein Gewicht von 466 kg hatte. Leider ist uns der Glockentext nicht überliefert, denn im 2. Weltkrieg standen die drei Glocken auf der Abgabenliste. Die jüngste der Glocken wurde eingeschmolzen, während die große Stefansglocke lediglich bis nach Hamburg ins Glockenlager transportiert wurde.

 

Nach dem Krieg erhielt die Pfarrkirche eine neue Glocke, die wiederum bei Slegers in Tellin gegossen wurde. Sie hat einen Durchmesser von 90 cm und ein Gewicht von etwa 750 kg. Der Text lautet: DEM HERRN ZUM LOB, STEFANUS ZUM PREIS. - DEN SüNDERN ZUR MAHNUNG TÖNE DIESER GLOCKE SCHALL - 1952 - FUSOR: CAUSARD NEPOS G. SLEGERS TELLIN. (Gießer: Causard-Enkel G. Slegers Tellin.) Auf der anderen Glockenseite befinden sich eine Abbildung des Gekreuzigten sowie der Muttergottes, die mit einem Fuße eine Schlange zertritt. Die Glocke weist reiche Verzierungen von Cantusblättern und stilisierten Blüten auf. Sie ist gleichzeitig auch die Uhrglocke und schlägt jede halbe und volle Stunde.

 

Quellen:

Inventar der Pfarrkirche von Burg Reuland. Kaplan Ludwig Hilger, Rektor von Bracht und Maspelt, unter Mitwirkung von Rendant Joseph Wittrock (Hsg.) Burg-Reuland 2007.
Heinrich Neu / Reiners Heribert (Hsg.): Die Kunstdenkmäler von Eupen / Malmedy, Düsseldorf 1932, Nachdruck 1982, S. 403-418.
Kurt Fagnul, Glocken aus Kirchen, Klöstern und Kapellen, 1989, S. 323.)


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